Boßeln heute

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Anmerkung:
Angesichts der Tatsache, dass die Vorlage zu diesem Beitrag eigentlich schon 1999 geschrieben wurde ist „heute“ möglicherweise nicht mehr so ganz korrekt.
Wer also neue Erkenntnisse hat, darf sie gerne in den Kommentaren ergänzen.

Der Bernd Klootscheeter unserer Tage heißt Hans-Georg Bohlken und stammt aus dem 103-Seelen-Dorf Ellens bei Zetel. Mit einer Weite von 105,20 Metern hält er den Weltrekord im Klootschießen. In Irland wird Bohlken gar als „Mann des Jahrhunderts“ gefeiert, seit er im September 1985 den Kloot über eine für unbezwingbar gehaltene Eisenbahnbrücke in der Nähe von Cork schleuderte und dafür 5000 irische Pfund kassierte. Hans-Georg Bohlken ist hoher Favorit für die Europameisterschaften der Klootschießer und Boßler, die am Himmelfahrtstag in Norden/Ostfriesland beginnen und vier Tage dauern. Selbst die Iren wetten auf ihn.

Auch in Norden werden zu den einzelnen Wettkämpfen zehn- bis zwanzigtausend Zuschauer erwartet. Die Popularität des friesischen „Heimatsports“, wie das Klootschießen vorzüglich in Funktionärskreisen tituliert wird, scheint ungebrochen; seine Traditionen aber sind es nicht. So ganz ohne Verrenkungen läßt sich kein Bogen spannen von Bernd Klootscheeter zu Hans-Georg Bohlken. Die Naturburschen von ehedem, die selbst bei Frost barfüßig und in Unterhosen an den Abwurf gingen, haben wenig gemein mit den Spitzenklootschießern von heute, die wie Leistungssportler trainieren und sich auch so kleiden. Zudem lebt der Friesensport längst nicht mehr vom Klootschießen allein. 41 000 Mitglieder zählt der „Friesische Klootschießer-Verband“, aber die meisten kennen das Klootschießen nur noch vom Zusehen. 95 Prozent der Friesensportler frönen heute einem Straßenspiel, dem Boßeln.

Die Funktionäre nennen das Boßeln gern eine „Abart des Klootschießens“, was mancher Aktive, der die unterschiedlichen Bewegungsabläufe am eigenen Leibe erprobt hat, seinerseits „abartig“ findet. Tatsächlich sind Boßeln und Klootschießen so grundverschieden wie etwa Speerwerfen und Bowling. Klootschießen steht für geballte Kraft, Boßeln für Fingerspitzengefühl. Klootschießen lebt von den Legenden bärenstarker Werfer, die immer Einzelkämpfer waren und sein mußten, da es solche Exemplare nun mal nicht im Dutzend gibt. Boßeln hingegen ist ein Volkssport, der in Ostfriesland an fast jedem Wochenende Tausende auf die Straße bringt. „Achtung Boßelspiele“, warnen die Verkehrsschilder. Was diese beiden Sport arten verbindet, sind gemeinsame Regeln und das weite Dach des Friesensports.

Der alte Geist des Klootschießens lebt heute nur noch bei den großen Feldkämpfen zwischen Ostfriesland und Oldenburg auf. Man spricht in diesem Zustand auch von „Länderkämpfen“: Sieben gegen sieben treten sie an, und die Zahl der Berufungen wird ebenso getreulich nachgehalten wie bei den Nationalspielern im Fußball. Gefrorener Boden ist Voraussetzung für den Wettbewerb, andernfalls könnten die Würfe (plattdeutsch: „Flüchte“) nicht die gewünschte Fortsetzung in möglichst langem Trüllen erfahren. Bereitet sich ein Ostfriese auf den Wurf vor, wird hymnisch „In Ostfreesland is’t am besten“ intoniert, übrigens nach der Melodie von „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“. Die Oldenburger bringen ihre Werfer im Gegenzug mit „Heil dir, o Oldenburg“ auf Touren. Und so geht es kilometerweit, Hymne auf Hymne, Wurf auf Wurf, über Felder und Weiden, über Zäune und ungezählte Gräben, die hier „Schlote“ heißen. Zwischen Sieg und Niederlage liegen am Ende oft nur ein paar Meterchen.
(…)
Die Europameisterschaften bestehen (…) nicht nur aus dem Feldkampf. Beim sogenannten „Standkampf“ geht es, dem Schleuderballwerfen vergleichbar, ausschließlich um die Weite des Wurfs. Und dann ist da noch das Straßenboßeln, die einzige Disziplin des Friesensports, bei der auch Frauen eine Europameisterin ermitteln und die gewöhnlich von den Iren gewonnen wird. Iren sind keine Friesen (sondern Kelten). Allein durch ihre Teilnahme an den Europameisterschaften setzen sie dem friesischen Heimatsport-Pathos einen Dämpfer auf. Straßenboßeln kennt keine Heimatgrenzen.

In früheren Zeiten wurde vornehmlich in Wirtshausgärten geboßelt beziehungsweise gekegelt, was dasselbe war. Das Bild änderte sich, als im 18. und 19. Jahrhundert verstärkt Wege und Straßen angelegt wurden. Besonders da, wo sie schön flach und geradlinig verliefen, an der Küste also, war man nicht länger aufs Wirtshaus angewiesen. Die Wettkampfregeln für das neue Straßenspiel borgte man sich beim vertrauten Klootschießen, das in den Marschen vermutlich schon seit Urzeiten betrieben wird.

bosseln_karteNicht immer waren die Zeitläufte dem Friesensport günstig. In den Wirtschaftswunderjahren und noch mehr in der Aufbruchseuphorie der späten sechziger und frühen siebziger Jahre fiel der Heimatbegriff (von den Vertriebenenverbänden mal abgesehen) unter die Rubrik „lästiges Erbe“. Als der spätere Klootschießer-Europameister Karl Kleemann 1971 nach Jahren der Abwesenheit in seine ostfriesische Heimat zurückkehrte, fühlte er sich wie unter Fremden: „Wir Klootschießer“, erinnert sich Kleemann, galten nur noch als Rabauken, die immerzu Streit suchten. Jeder Sinn für Traditionen war verlorengegangen. Plattdeutsch wurde kaum noch gesprochen. Es war schlimm.“

Zu dieser Zeit sah sich Heie-Focken Erchinger, der Mann, der in Ostfriesland die Deiche baut, bemüßigt, mal einen ganz anderen Deich zu bauen – einen gegen das Vergessen. Es ärgerte ihn, daß es in seiner Behörde, dem Bauamt für Küstenschutz in Norden, zwar eine Fußballmannschaft, nicht aber ein Boßelteam gab. „Dabei“, sagt Erchinger, „ist Boßeln doch unser Heimatspiel.“ Folglich regte er einen Boßelvergleich der ostfriesischen und oldenburgischen Wasserwirtschaftsämter an. Die Resonanz war dürftig. Mehr als ein Häuflein Aufrechter kam nicht zusammen.

Doch die Stimmung sollte bald umschlagen. Die Heimat gewann Boden. Es kamen die Ölpreis-Schocks, die Arbeitslosigkeit nahm zu und auch die Skepsis gegenüber den Verheißungen von Chip- und Atomkraftzeitalter. In gleichem Maße, wie die Zukunftsperspektiven sich verwischten, wandten sich immer mehr Blicke haltsuchend zurück aufs Altvertraute. Die regionalen Eigentümlichkeiten wurden wieder hervorgekehrt und waren auf einmal sogar von einem gewissen modischen Chic.

Nicht alles ließ sich ohne weiteres wieder in seine alten Rechte setzen. Die plattdeutsche Sprache fristet, allen Beschwörungen zum Trotz, ein Stiefmütterchendasein in den lyrischen Sendenischen der Rundfunkanstalten und den zwanghaft humorigen Darbietungen von Heimatbühnen. Der Friesensport aber schwamm schnell obenauf auf der Welle romantischer Rückbesinnung. Die Klootschießer und viel mehr noch die Boßler erlebten unverhoffs eine Renaissance ihres Sports.

[1988] fand in der Nähe von Braunschweig die 17. Auflage von Heie-Focken Erchingers Wasserwirtschafts-Boßeln statt. Sechzig Teams aus ganz Niedersachsen waren auf der Straße, mehr als 500 Teilnehmer. Und den meisten war es schnurzegal, ob es sich um ein friesisches Heimatspiel handelte oder nicht: Sie hatten einfach Spaß an der Sache.“

(aus: Die Zeit, 13.5. 1988, S. 73)

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