Historie des Boßelns

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Anmerkung:
Die ursprüngliche Abhandlung zum Thema Boßeln erschien im Oktober 1999 auf der Website des Gymnasiums Langenhorn und ist heute nur noch in der WaybackMachine zu finden

Dank an das Gymnasium Langenhorn für die Aufbereitung dieser schwierigen Thematik.


Als die Römer frech wurden und nach Deutschlands Norden zogen, reagierten die Friesen ausgesprochen sauer. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus (55 bis 116 n. Chr.) berichtet darüber in seinem Buch “Germania”, dem wichtigsten Zeugnis der Germanenkunde: “Die Bewohner an der Niederelbe verwendeten gegen die römischen Eindringlinge in der Sonne gebrannte Lehmkugeln. Selbst auf größere Entfernungen erzielten diese Bewohner eine bewundernswerte Treffsicherheit, weshalb auch die römischen Krieger diese Kugeln fürchteten”

So genau die Boßler ihre Traditionen kennen, so verschwommen sind ihre Auskünfte über die ersten Kugelkämpfe. Lange Zeit ging die Forschung davon aus, daß die Holländer 1634 die Sportart mit nach Norddeutschland brachten, als sie vor einer schweren Sturmflut flüchteten. In seiner Examensarbeit für die Pädagogische Hochschule in Kiel (Thema: “Die Bedeutung des Boßelns für den Schulsport an der schleswig-holsteinischen Westküste”) aber ging Pädagoge Klaus Schneider noch einige Jahrhunderte weiter zurück. Es war es, der das eingangs erwähnte Tacitus-Zitat für die Boßel-Welt entdeckte, in dem von den zimperlichen Römern die Rede ist.

Weniger zimperlich als die Römer waren die Regel-Päpste der Boßler. Das zeigen die Satzungen aus dem Jahre 1922, wo beispielsweise unter dem Kapitel “Feldboßelkämpfe” unter arabisch 7,  Absatz 2, zu lesen ist: “Trifft die Boßel den eigenen Mann, so ist der Wurf gültig.”

Ein Kloot ist eine kleine Holzkugel mit Bleifüllung, knapp ein Pfund schwer, und niemand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte diese Kugel weiter werfen als der Bauer Berend Onken aus dem Dorfe Heglitz bei Wittmund. Wenn Onken warf, strömten die Menschen aus ganz Ostfriesland herbei, 10 000, ja 15 000 waren keine Seltenheit. “Kanone” wurde Berend gerufen, sein eigentlicher Ehrenname aber lautete „Bernd Klootscheeter”.
Im Winter 1883 trat das Idol der Ostfriesen leihweise in jeverländische Dienste, denn nur mit Onken in ihren Reihen glaubten die Jeverländer einen Klootschießer-Vergleich mit Butjadingen bestehen zu können. Onken warf, was seine starken Bauernarme hergaben, aber diesmal war das Glück gegen. ihn. Beim letzten Wurf der Butjadinger landete der Kloot auf einer blanken Eisfläche, bekam dort erst richtig Fahrt und rollte und rollte (“trüllen” sagen die Klootschießer) in schier unerreichbare Ferne. Bernd Klootscheeter versuchte es trotzdem, nahm mächtig Anlauf, warf gewaltig wie nie zuvor, doch kam die Kugel in tiefem Schnee auf, wo sie nicht trüllte, sondern wie erstorben steckenblieb – platsch und aus! Vor Wut biß Onken in den Kloot, und alte Chroniken wissen zu berichten, daß seine Zähne tief in Holz und Blei gedrungen seien. Jedenfalls wurde diese Kugel noch Jahrzehnte in Haddien bei Jever aufbewahrt, eine Ikone des Klootschießens.
(aus: Die Zeit, 13.5. 1988, S. 73)

“Zwar haben Klootschießen und Boßeln eine gemeinsame Spielidee, aber ihre Geschichte ist unterschiedlich. Das ursprüngliche Spiel ist das Klootschießen, das über Jahrhunderte in den küstennahen Marschlandschaften gespielt wurde. Im Winter, wenn die (Feld-)Arbeit ruhte und der Boden gefroren war, zogen die Mannschaften – häufig als Mannschaften zweier Dörfer – über die brachliegenden Felder und Weiden.

In die umfangreichen Vorbereitungen und in das aktuelle Wettkampfgeschehen fühlten sich alle Dorfbewohner einbezogen. Spieler mußten nach ausführlicher Beratung benannt werden. Wettkampfregeln und Wettkampfstrecke mußten sorgfältig geprüft und ebenso festgelegt werden wie der Abschluß des Wettkampfes mit Siegerehrung und Preisverleihung. Klootschießen war das winterliche Ereignis schlechthin. Sehnsüchtig wartete man auf Frost und Eis als unerläßliche Voraussetzungen für den Wettkampf, denn erst der hartgefrorene Boden machte das Spiel möglich: Die Kugel konnte nicht in der Erde versinken, bei geschickter Wahl der Aufprallstelle mit ebenem und besonders stark durchgefrorenem Untergrund hatte ein zielsicherer Werfer gute Chancen; daß seine Kugel noch einmal hoch aufsprang und dann über eine längere Strecke ausrollte. Dieser „Trüll” konnte spielentscheidend sein. Aber auch die Zuschauer, die dem Wettkampfereignis erst den „würdigen” Rahmen verliehen, konnten nur dann mit über die Felder ziehen, wenn der Frost den Boden begehbar gemacht hatte und das Eis das Überwinden der Gräben ermöglichte.

Aus diesem ursprünglichen Friesenspiel hat sich Boßeln als Straßenboßeln entwickelt, als Spiel der Bewohner der hinter der Marsch liegenden Geest, in der es an freien Flächen mangelt. Büsche, Bäume, Hecken und kleinere Hügel machten es schwer, fast unmöglich, eine geeignete Wettkampfstrecke fürs Klootschießen zu finden. So lag es nahe, nach einer anderen Interpretation der Spielidee zu suchen. Man merkte schnell, daß das Spielen auf Wegen eine andere Wurftechnik verlangte als auf dem freien Feld: Statt die Kugel zu werfen, wurde sie gerollt. Diese Veränderung der Wurftechnik machte auch eine Anpassung des Wurfgerätes an die Technik notwendig. Die kleine Klootschießerkugel wurde mit der Zeit durch eine größere Boßelkugel ersetzt.

Inzwischen ist Boßeln auch bei den Bewohnern der Marsch zum beliebten Spiel- und Freizeitvergnügen geworden. Es kann zu jeder Jahreszeit – nicht nur im Winter bei Frost – ohne viel Aufwand und wurftechnisch anspruchslos gespielt werden.

Klootschießen und Boßeln sind über das sportliche hinaus auch ein geselliges und kommunikatives Ereignis. Sie bieten Gelegenheiten. sich „so nebenbei” zu unterhalten, Gedanken auszutauschen und zu „tratschen”, aber auch den Spielverlauf zu „analysieren und zu kommentieren”. Selbst ein Spiel bei Kälte, Wind und Regen wird positiv erlebt, wenn man nach einigen Stunden heimkehrt und wieder ein Gefühl für die anheimelnde Geborgenheit der „guten” Stube gewinnt. Die sportliche Herausforderung besteht für die Spieler darin, nicht nur weite Wurfleistungen zu bringen, sondern sich auch mit den Bedingungen der Strecke auseinanderzusetzen: Wo rollt die Kugel am günstigsten? Wie nehme ich die Straßenkurve? Wie beeinflußt der Straßenbelag den Lauf meiner Kugel? Wie verhindere ich daß die Kugel in den Graben rollt? Gerade diese Unwägbarkeiten, die in der Bewältigung des Raumes liegen, machen das Spiel reizvoll.”
(aus: praxis im blickpunkt, S. 55)

 

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